Ruth Maier
Ruth Maier wurde am 10. November 1920 in Wien geboren. Sie wuchs in einer intellektuell und kulturell geprägten, assimilierten jüdischen Familie auf. Die Sommerferien verbrachte sie oft zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Judith bei ihren Großeltern in Žarošice in Mähren. Im Januar 1939 floh sie nach Norwegen, legte dort das Abitur ab und studierte an der Kunst- und Handwerksschule. Am 26. November 1942 wurde Ruth Maier zusammen mit anderen verhafteten Juden von Oslo nach Stettin deportiert und fünf Tage später im Lager Auschwitz-Birkenau ermordet. Ihre Tagebücher wurden von Gunvor Hofmo aufbewahrt, der ihr engsten Vertrauten, die Ruth in Norwegen kennengelernt hatte. Sie versuchte, sie zu veröffentlichen, wurde jedoch mehrmals abgelehnt. Erst 2007 veröffentlichte Jan Erik Vold sie in einer Reihe, und seitdem wurden sie in mehrere Sprachen übersetzt. Das Ruth-Maier-Archiv wurde 2014 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.
Ruth Maier war kreativ, neugierig, einfühlsam, interessierte sich für die Welt um sie herum, wollte sie verstehen, ging aktiv durchs Leben, spielte Theater, liebte ihren Körper, trieb Sport, schrieb Gedichte und Prosa, malte Bilder, fühlte sich von der Kunst angesprochen, engagierte sich ehrenamtlich und hasste Ungerechtigkeit. Obwohl die Lebensumstände sie in die Rolle eines Opfers drängten, versuchte sie, diese nicht anzunehmen. Gleichzeitig zweifelte sie an ihrer Identität und ihrer Lebensaufgabe; infolge der Verfolgung und der anschließenden Flucht nach Norwegen litt sie unter schweren psychischen Problemen. Sie fühlte sich zutiefst verunsichert und sehr einsam. Durch all das kann sie junge Menschen von heute ansprechen und damit weit über das Thema der Shoah hinausgehen, mit dem sie als „norwegische Anne Frank“ am häufigsten in Verbindung gebracht wird. Die Aufgabe der Ruth-Maier-Stiftung ist es, diese Herausforderung anzunehmen.

Lehren für die Zukunft
Das Schicksal unserer Familie ist ein Beispiel dafür, wie familiärer Zusammenhalt, Liebe und Freundschaft dazu beitragen können, die Barrieren religiöser, rassischer, ideologischer und nationaler Unterschiede zu überwinden, wie wichtig es ist, jedes einzelne Ereignis in allen Kontexten zu betrachten, nicht nur in Schwarz und Weiß. Unsere Familie wurde in der NS-Zeit wegen ihrer jüdischen Wurzeln verfolgt, und dann wurde die Familie von den Tschechen wegen ihrer deutschen Wurzeln verfolgt. Als Nachfahre der Familie Maier verstehe ich sowohl die Worte des norwegischen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg, der sich am Beispiel der Deportation von Ruth Maier für die Beteiligung der Norweger am Holocaust entschuldigte, als auch die Worte von Präsident Václav Havel, als er sich für die Vertreibung der Deutschen entschuldigte. Nicht nur die Geschichten der Opfer, sondern auch die Schicksale der Überlebenden liefern uns grundlegende Lehren für die Zukunft.
VILÉM REINÖHL
Nachfahre der Familie Maier
in memoriam
